Jahresbericht 2011 von Australien, Ingrid & Kurt Maring

Die Mutter aller Stürme

Es war kaum vorstellbar, dass die grosse Regenmenge vom letzten Jahr noch zu übertreffen ist, aber von Januar bis März hat es runtergehauen, wie noch nie. Zwei Drittel von Queensland stand unter Wasser, eine Fläche etwa so gross wie ganz Frankreich  und Deutschland zusammen. Dann braute sich mit Cyclone Yasi in der Coral Sea der grösste Sturm aller Zeiten zusammen. Ein riesiges Tiefdruckgebiet  über eine Distanz von 600km lauerte vor der Haustüre. Das Sturmzentrum wanderte aber bald 400km nach Norden, um dort die zauberhafte Tropeninsel Dunk Island und die Marina Hinchinbrook mit den Dörfern Cardwell und Mission Beach zu zerstören. Das waren unsere Lieblingsorte im Norden und das Ziel der jährlichen Segelrallye. Zum Glück gab es wiederum keine Menschenleben zu beklagen, aber im Süden von Queensland haben leider über dreissig Menschen ihr Leben in einer Sturzflut verloren. Es gab Milliardenschäden, und die Bananenernte wurde zum dritten Mal in 10 Jahren vernichtet.  Wir selbst wurden durch die Naturgewalten weitgehend verschont, ausser dass die Segelsaison etwas kurz und sehr windig war und der Golfplatz ein langes halbes Jahr nicht bespielbar war.

Aber was die Mutter Natur mit der einen Hand nimmt, teilt sie mit der anderen Hand aus. Der mächtige Murray River, etwa mit dem Rhein und der Donau zu vergleichen, stand durch die andauernde Trockenheit kurz vor dem Kollaps. Der Murray ist die Lebensader und Existenz der Landwirtschaft. Es herrschte Panik unter den Bauern, die aber mit der verschwenderischen Ausbeutung viel selbst zum Problem beigetragen haben. Es wurde heftig um Wasserrechte gestritten, aber nach dem grossen Regen ist alles vergessen, und es wird weiter gesündigt, wie eh und je.  Alle jubeln, und es werden wieder Rekordernten eingefahren. 2011 ist nicht das Jahr des Hasen, sondern das Jahr der Erdbeere. Wochenlang war der Markt überschwemmt mit den feinen Früchten, die sogar wie Erdbeeren schmeckten, zum Preis von nur $7.50 pro Kilo. Dank den vollen Flüssen haben sich auch die Crevetten und Baramundi stark vermehrt. Das Kilo, fangfrisch aus dem Ozean, mit bester Qualität, kostet nur $ 15. Wir essen fast zuviel davon.

 

Viel mit Nichts

Der viele Regen hat auch ein ganz seltenes Ereignis im tiefsten Outback kreiert: Der Lake Eyre, in der nur schwer zugänglichen Simpson Wüste, füllt sich im Schnitt nur alle 50 Jahre mit Wasser. Dann ziehen die Pelikane zu Tausenden von der Küste an die Inlandseen, um zu brüten. Es ist ein ungeklärtes Naturwunder, wie die Pelikane den Ort finden, nachdem sie seit Generationen nicht mehr dort waren. Wir wollten das seltene Ereignis sehen und sind mit einer Reisegruppe von 16 Leuten im 4X4 Safaribus durch die Wüste zum See gefahren, obwohl gesagt wird, dass man das Outback am Besten aus dem Fenster einer Boeing 747 auf dem Flug nach Paris betrachten soll. Wir haben tatsächlich während zwei Tagen viel mit Nichts gesehen. Ein Höhepunkt der Fahrt war der Dingozaun, ein Werk mit einer Länge vom immerhin 9600km. Die Drahtlieferanten um 1880 bis 86 müssen ein Bombengeschäft gemacht haben. Der Zaun soll die Schafe im relativ fruchtbaren Süden vor den hungrigen Dingos des Nordens schützen. Die Regierung beschäftigt immer noch 23 Personen, um Löcher zu stopfen. Sonst war nichts zu sehen in der Wüste.  Das ist weiter nicht erstaunlich, denn die riesige Fläche wurde jahrelang vom Militär als Raketen Testgelände benützt. Nur 400km weiter westlich haben die Engländer in den fünfziger Jahren sogar sieben Atombomben platzen lassen. Das Gebiet dort ist noch bis heute verseucht. Am Lake Eyre liegt das Dorf Marree mit 70 Einwohnern und einem aktiven Yachtclub, der alle 50 Jahre eine Regatta organisiert. Die gut dotierte Bar im Club ist lebensnotwendig, um die langwierige Planung zu erleichtern.

Wir haben einen Rundflug unternommen und das weitläufige Gebiet überflogen. Es waren tatsächlich einige Pelikane aus weiter Distanz zu erkennen. Aber ausser den ungewöhnlichen Farbnuancen war nichts zu sehen, als eine riesige, weite Fläche mit Nichts.  Die Rückreise  nach Adelaide erfolgte über Coober Pedy, welches für seine Opalminen bekannt ist. Es gibt etwa 3000 Minen, aber nur noch wenige sind aktiv. Wegen dem Wüstenklima sind die meisten Wohnhäuser unter Tage. Es gibt sogar eine unterirdische Kirche. Auch wir wohnten in einer ehemaligen, aber gut ausgebauten  Mine, sechs Meter unter der Erde. Die Mondlandschaft von Coober Pedy ist faszinierend und war der eigentliche Höhepunkt der aufwendigen Reise ins tiefe Outback.

 

 

Glänzende Gesundheit

Die sonst glänzende Gesundheit musste in Toowoomba, bei Brisbane, mittels einer Strahlentherapie der Prostata während 8 Wochen neu aufpoliert werden. Die Bestrahlung verlief optimal und der alte Glanz der Gesundheit ist nun wieder hergestellt. Es scheint, als ob der medizinische Tourismus zu den Spezialisten im Sűden zur jährlichen Gewohnheit wird. Aber dieseTradition benötigen wir nicht unbedingt und verzichten in Zukunft gerne darauf.

 

Der Himmel hängt voller Geigen

Nur wenige Australier haben als Lebensziel eine wissenschaftliche Karriere zu machen. Die meisten träumen davon ein Popstar, Künstler oder Profisportler zu werden. Es gibt denn auch viel mehr Oscarpreisgewinner als Nobelpreisträger. Die Unterhaltungsindustrie ist ein bedeutender Wirtschaftszweig. Der Life Musiksektor allein generiert 1,2 Milliarden Dollar. Das ist etwa das, was die gesamte Schweizerische Nahrungsmittelindustrie, mit Landwirtschaft und all den vielen Schokoladenfabriken produziert.

Auch die anspruchsvolle Unterhaltungssparte ist hoch entwickelt. Das ist äusserlich gut am Opernhaus von Sydney zu erkennen, aber das ist nur der Anfang. Es gibt in Australien 6 grosse Philharmonische Orchester und viele Trios, Quartette und Kammerorchester, wobei das Australian Chamber Orchestra, unter der Leitung des talentierten Richard Tognetti, zu den besten der Welt gehört. Das Orchester verfügt denn auch über das geeignete Werkzeug: Die erste Geigerin fiedelt auf einer Stradivari und die 2. Geigerin benutzt eine 1759 J. B. Guagagnini. Der erste Cellist lässt das wertvollste Cello der Welt, ein Giuseppe Guarneri Filius 1729 erklingen. Der Orchesterleiter selbst spielt die noch feinerer Geige, eine Guarneri del Gesu, Jahrgang 1743, mit einem Wert von $ 10,1 Mio. Der himmlische Klang dieser Meisterwerke haben die Noblen in Europa schon entzückt, als die Terra Australis Incognita noch nicht einmal auf der Karte war. Es ist wohl ein Zeichen der Zeit, dass die Instrumente nun den Weg in die neuen Welt gefunden haben. Ein smarter Banker hat einen Aktienfond kreiert, der ausschließlich in antike Musikinstrumente investiert, um die Millionenwerte dann begabten Musikern zur Verfügung zu stellen. Diese Anlage ist bestimmt gescheiter, als die Luftgeschäfte gewisser Banken mit den Derivaten von Derivaten und hat eine unaufhaltsame Wertsteigerung, weit über dem Börsenindex. Der Fond wird auch nicht von den Guggenmusikern an der Wallstreet beeinflusst.

Wir machen vom grossen Kulturangebot viel Gebrauch und lassen keine Gelegenheit aus Konzerte zu besuchen. Der Höhepunkt des Jahrzehntes war ein Konzert der Extraklasse mit den Wiener Philharmonikern in Brisbane. Der Aufwand sie zu hören und zu sehen war recht beträchtlich, denn wir haben nicht nur deren bescheidene Gage bezahlt, sondern auch die weite Flugreise. Vom Eintrittpreis ersichtlich sind sie nicht in der Touristenklasse geflogen. Aber wir haben schon mehr Geld für viel Dümmeres ausgegeben und bereuen nichts. Zudem gab es als Zugabe, völlig kostenlos, die Schöne Blaue Donau zu hören. Mit einer stehenden Ovation und tosendem Applaus wurde versucht noch den Radetzky-Marsch heraus zu quetschen, aber das war dann doch zuviel verlangt.

 

Was ist Vernunft?

Es wird gesagt, dass man im Alter etwas kürzer treten sollte. Dieser Blödsinn wird wohl von unerfahrenen Jungen verbreitet. Unser neues Auto hat viel mehr PS, als sein Vorgänger und einen Turbolader mit 7-Gang Sportgetriebe. Wer will schon stundenlang hinter einem Lahmsieder herfahren, der mit  95kmh durch die Landschaft schleicht? Im Alter ist nicht nur jede Minute kostbar, sondern die Kraftreserve erhöht auch die Sicherheit beim Überholen.

Wir wohnen in einem bequemen, permanenten Ferienheim mit drei Schlafzimmern. Das geht ganz gut, aber die Unterbringung von Gästen hat unsere Bewegungsfreiheit eingeengt.  Es war ein langjähriger Wusch der Ingrid, das untere Stockwerk auszubauen. Die flache Baukonjunktur ermöglichte es den Baumeister des Hauses zu motivieren das Projekt zu realisieren, und wir haben nun ein weiteres, großzügig ausgelegtes Schlafzimmer mit Bad. Weil es direkt beim Pool liegt nennen wie es das „Beach House“.  Durch den Ausbau hat das Haus sehr viel gewonnen, nicht zuletzt ein wesentlich verbesserter Zugang zum Pool.  Wir sind zwei Leutchen mit mehreren Schlafzimmern und drei Badezimmer.  Das ist eine gut überlegte Vorausplanung. Vielleicht benötigen wir den Wohnraum einmal für die Betreuung im hohen Alter. In der Zwischenzeit können Freunde und Verwandte als Wohngäste bequem untergebracht werden. Jeder der diese Zeilen liesst ist herzlich eingeladen!

 

Frohe Festtage und ein Glückliches Neues Jahr und gut Wind!

I & K

Freitag, Dezember 16th, 2011 Allgemeines, News